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Antje startet ihre „Wanderkarriere“… Etappenwandern auf dem Heidschnuckenweg (Teil 1)

Aktualisiert: 5. März 2023

(Hinter den Etappenüberschriften sind jeweils die Etappenbeschreibungen der offiziellen Homepage zum Heidschnuckenweg verlinkt.)


Es ist der 30. März 2020 als mein Diensttelefon klingelt, die pflegerische Zentrumsleitung der inneren Medizin des UKEs am anderen Ende, mich bittend meine Schreibtischtätigkeiten niederzulegen und mich so schnell wie möglich bereit zu machen für einen Einsatz in der Dialyse…


Ein paar Wochen zuvor:


Ich war gerade damit beschäftigt mich in eine neue Tätigkeit einzuarbeiten. Als Pflegefachperson hatte ich über 25 Jahre in der direkten Patientenversorgung gearbeitet. 20 Jahre davon spezialisierte ich mich auf das Feld Dialyse und war zu einer Expertin geworden. Lange Jahre habe ich all mein Arbeitsherzblut in die Versorgung von Patient:innen gesteckt, übernahm Führungsverantwortung und begann während meiner beruflichen Tätigkeit Gesundheitsversorgung und Management zu studieren. Inzwischen bearbeitete ich seit 2 Jahren andere Themen, die aber dennoch das pflegerische Setting betrafen. Ich hatte all meine Erfahrungen und mein Wissen über Pflege in einer anderen Form für den Pflegeberuf investiert. Von der direkten Patient:innenversorgung verabschiedete ich mich währenddessen. Und glaubt mir - das war gar nicht so einfach. In den letzten 2 Jahre begleitete ich eine Kampagne für den Pflegeberuf in der Hamburger Gesundheitsbehörde und war seit ein paar Wochen zurück im UKE - damit beschäftigt neue Themen zur Pflege hier zu übernehmen - aber eben in einer klassischen Bürotätigkeit.

Fast zeitgleich begann eine nie dagewesene Weltsituation, wie wir sie uns vorher nicht im entferntesten hätten vorstellen können und auch ohne zu wissen, was uns in den kommenden Jahren erwarten würde.

Mein Berufsethos hat mir schon immer vorgegeben, mich in Ausnahmesituationen in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Und so beschäftigte ich mich innerlich bereits im Februar 2020 damit, dass es wohl so kommen würde, vor allem nachdem wir die Bilder aus dem Norden Italiens gesehen hatten über fehlende Kapazitäten in der Patient:innenversorgung, dass ich eingesetzt werden würde - wieder am Patienten und auch wieder in meinem Fachgebiet Dialyse, in der ich bis heute eine große Expertise ausweise.


Dass der Anruf so schnell kommen würde, damit hatte ich nicht gerechnet.


Wenige Tage später bekomme ich Unterweisungen (so sehen es die Vorschriften vor - wenn man länger als 2 Jahre nicht mit den medizinischen Geräten gearbeitet hat, muss eine erneute Unterweisung stattfinden) und werde ab sofort eingesetzt in der Durchführung von Dialysen auf der Intensivstation bei Covid19 infizierten Patient:innen. Nicht nur mich stresst das ungemein. Mein familiäres Umfeld ist außer sich vor Sorge. Zu diesem Zeitpunkt der weltweit grassierenden Pandemie ist die Unsicherheit noch so hoch, dass einfach Ängste da sind. In meiner Familie zeigen sich diese eben mit Sorge um mich, in anderen Settings zeigen sie sich damit, dass ich gemieden werde. Ich bin nicht die Einzige, die diese gesellschaftliche Meidung in diesen Tagen erfährt.

Aber auch ich habe Angst, ich bewege mich in dem Spannungsfeld aus persönlicher Angst, aus der Sorge möglicherweise andere Menschen durch fehlerhaftes Verhalten zu infizieren und meinen Lieben all diese Sorgen nicht zu sehr spüren zu lassen, um sie nicht noch mehr zu beunruhigen. Dieser Spagat gelingt mir nur bedingt. Die Arbeit auf der Intensivstation zerrt an meinen Nerven und so beginne ich im Anschluss an meine Dienste spazieren zu gehen. Ich brauche Zeit um einen Kopfabstand zu bekommen, bevor ich nach Hause gehe und zum anderen will ich wohl alles, was an mir haftet draußen lassen. Diese Spaziergänge entwickeln sich zur Routine, ich beginne dabei Potcasts zu hören, erst ist es der „Drosten-Podcast“, später wird daraus das Logbuch der gerade laufenden MOSAiC-Expedition oder Abenteuer-Podcast zu Reisethemen. Bei diesen täglichen Spaziergängen gewinne ich zunehmend Gefallen an dem Rhythmus des Gehens. Die Strecken werden länger und ich beschließe irgendwann aus den Spaziergängen Wanderungen werden zu lassen und starte mein erstes Wander-Projekt.


Ich nehme mir vor den Heidschnuckenweg zu erwandern. In Etappen. An den Wochenenden.


Der Heidschnuckenweg erstreckt sich über eine Länge von 223 km. Er beginnt mit der 1. Etappe in der Fischbeker Heide im Süden Hamburgs und führt über 12 weitere Etappen bis in das Stadtzentrum von Celle. Ich plane an jedem Wochenende im Sommer beginnend über die Heideblüte an sich bis in den tiefen Herbst hinein jeweils eine Etappe zu wandern. Die ersten Etappen sind gerade in der Heideblütensaison hervorragend von Hamburg aus mit dem ÖPNV zu erreichen. Ergänzend wird ein Heideshuttle angeboten, der von den Zubringerbahnhöfen direkt zu den Etappenstarts und -enden führt.


An einem der wärmsten Wochenende im Juli 2020 breche ich am frühen Morgen auf zu meiner 1. Etappe.


Juli 2020


“Auftakt nach Maß“ - so lautet ein Satz in der Etappenbeschreibung. Ich bin Wanderrookie und mir ist nicht klar, was erfahrene Wandersleute damit meinen könnten. Es dämmert mir jedoch sehr schnell. Auf den ersten 5 km durch die Fischbeker Heide lasse ich Körner, die ich noch gut hätte gebrauchen können für die restlichen Kilometer des anstehenden Tages. Es geht stetig bergan und bergab durch die sandigen Wege der Heide. Nach etwa 7km mache ich meine erste Pause und frage mich, wer um Himmelswillen sich das ausgedacht hat.

Ach ich war das. Ok.

Der Sommer zeigt sich von seiner prachtvollsten Seite. Die Heidelbeeren und Himbeeren am Wegesrand leuchten mich an und ich nasche immer wieder ohne voran zu kommen. Die Mittagsluft flirrt und ich finde Schatten unter Bäumen und verstehe schnell, dass die angegebene Wegzeit für mich nicht hinkommen wird. Nach einer ausgedehnten Mittagspause starte ich wieder neu durch, merke jedoch dass mir (natürlich) die nötige Fitness für eine derart lange erste Etappe fehlt. Nach 16 Kilometern muss ich einen langgezogenen Ort durchqueren, entlang einer Landstrasse und Autobahn, was meine mentale Ausdauer wirklich herausfordert. (In meiner späteren „Wanderkarriere“ werde ich solche Abschnitte oder Etappen „Fleissetappen“ nennen.) Inzwischen brennen mir die Fußsohlen und meine Knöchel schmerzen von den schmalen Wegen, auf denen mein Fuß immer wieder einknickt. Auf einer Lichtung stehend suche ich nach dem richtigen Weg - auf gar keinen Fall möchte ich falsch abbiegen - um nur keine unnötigen Meter zu machen - ich schrecke ein Reh auf, direkt vor mir springt es durch das hohe Gras der Lichtung. Ich erschrecke mich richtig. Geradeso kann ich mich noch in den Schutz eines beginnenden Waldstückes retten um zu weinen. Gebückt und mit den Unterarmen auf den Knien abgestützt hocke ich im Wald und schluchze laut. Offensichtlich musste der Druck raus. Ich suche mir eine Bank am Wegesrand und hole meine verbliebenen Snacks raus. Eine Banane muss es richten. Etwas gestärkt gehe ich weiter und verpasse einen Abzweig und verlaufe mich. Ich lande in einem Ort, von wo aus ein Bus fahren würde. Ich kämpfe einen harten inneren Kampf. Ich lass die Bushaltestelle Bushaltestelle sein und suche mir auf der Karte eine Weg zurück auf den richtigen Pfad. Immer öfter muss ich nun eine Pause einlegen. Inzwischen spüre ich meine Fußsohlen kaum noch. Es fällt mir schwer die Kraft für die verbleibenden 5 km aufzubringen. Mein erster Etappenstempel 3 km vor dem endgültigen Ziel lösen zwar Freunde und Stolz aus - vermag mich aber leider nicht mehr zu beflügeln.

Was ich aber auf meiner ersten Etappe und den verbleibenden Kilometern lerne ist, dass ich eine Kämpferin bin. Ich hab mir den Weg vorgenommen, also werde ich ihn auch gehen. Und so beiße ich mich durch. Erst am Abend komme ich am Ende der ersten Etappe am Bahnhof in Buchholz i.d. Nordheide an.

Ich werde 1,5 Tage nicht richtig laufen können. Aber bis zum nächsten Wochenende wird’s schon wieder gehen…




August 2020


Für heute sind 30 Grad angesagt. So klingelt mein Wecker bereits um 4:30 Uhr, ich möchte den Zug in die Heide um 6:30 Uhr schaffen, um meine heutige Wanderung gegen 7:00 Uhr starten zu können. Ich fahre nach Buchholz „zurück“, habe zuerst Schwierigkeiten den Einstieg in die Etappe zu finden, aber dann… Noch wirft mein Körper lange Schatten in der Morgensonne. Rechtzeitig bevor die Schatten kürzer werden tauche ich ein in den kühlen Wald hinter Suerhop. Wie schön es hier duftet, die Vögel zwitschern und ich genieße die Waldruhe. Ich wandere durch die beeindruckende Höllenschlucht und verlasse kurz darauf den Wald - direkt vor mir liegt der Brunsberg. Seine Heidefläche steht in voller Blüte. Ich suche mir eine Bank für meine erste Pause des Tages, noch ist der Kaffee heiß in meinem Thermosbecher und ich lege mich fest - selten hab ich einen Kaffee bei so einer atemberaubenden Kulisse getrunken: die Heide wiegt sich sanft im Morgenwind, der Weitblick ist ganz klar und in der Kombination sind diese beide Dinge einfach rasend schön. Hinter dem Brunsberg verschwinde ich wieder im Wald und der Weg führt vorbei über den Pferdekopf direkt ins Büsenbachtal. Was für eine zauberhafte Etappe. Meinen Weg säumen Pappeln, ihre Blätter rascheln im Wind. Inzwischen steht die Sonne direkt im Zenit und ich fühle mich sehr bestätigt darin so früh aufgestanden zu sein. Bis nach Handeloh, meinem heutigen Etappenziel ist es nicht mehr weit...



August 2020


Nach der letzten Etappe bin ich gefragt worden, ob es mich viel Überwindung kostet Sonntags so früh aufzustehen und loszugehen. Es kostet mich NULL Überwindung. Es macht mich glücklich etwas gefunden zu haben, was mich so uneingeschränkt motiviert, anspornt, was mich antreibt. Das Wandern - der Rhythmus des Gehens läßt mich ruhig werden, regelmäßig atmen und gleichzeitig sind meine Gedanken im Fluß. Es läßt mich spüren, wer ich bin, was ich bin, wo ich stehe, für was ich stehe. Ich empfinde das als großes Privileg.


Auch heute bin ich sehr früh am Einstieg in die Etappe „zurück“ in Handeloh. Direkt neben den Gleisen startet mein Weg. Ein paar Schritte raus aus dem Dorf laufe ich direkt neben einem Maisfeld entlang. Er steht hoch - mindestens 2,50 m. Durch die Wolken und die Spitzen des Maises versucht sich die Sonne heute Morgen ihren Weg in mein Gesicht zu bahnen. Mein erster „Wow-Moment“ des Tages. Hinter den weiten Maisfeldern tauche ich wieder ab in den Wald und ich verstehe einmal mehr was das Wort “Waldbaden“ meint. Ich bin umgeben von grünem Licht, von Waldduft und Geräuschen. Die restliche Feuchtigkeit der Nacht legt sich auf meine Haut. Neben meinem Weg plätschert die Seeve unermüdlich. Keine Menschenseele weit und breit. Mein Waldbad scheint unendlich.

Auch nach unzähligen weiteren Waldstücken auf dem Heidschnuckenweg, wird dieser Abschnitt meiner Wanderung einer der schönsten bleiben. Bis heute (02/2023) bin ich nicht hierher zurückgekommen, weil ich diesen Moment so in meinem Kopf behalten möchte, wie er an diesem Tag war.

Auf der heutigen Etappe quere ich Wesel, ich freue mich seit Tagen wie ein Kleinkind auf das Echospiel „Wie heißt der Bürgermeister von Weeeeeesel? Eeeeeesel!“ Ich lach mich schlapp über mich selbst… Hinter Wesel eröffnet sich eine der populärsten Heideflächen des Weges, die Weseler Heide. Hier sind heute viele Menschen unterwegs, seitdem die Temperaturen etwas gnädiger sind. Fast zu viele Menschen für meinen Geschmack. Auf einer Bank auf einer kleinen Erhöhung in der Heide, lege ich eine ausgedehnte Pause ein. Was für ein schöner Platz. Die Sonne scheint, der Wind weht meine kommenden Gedanken in alle Himmelsrichtungen und ich fühle mich unendlich frei.

Hinter dem Ursprung für die vielen Menschen (ein Autoparkplatz direkt an der Landstraße) verschwinde ich wieder im Wald und starte meinen Schlussspurt nach Undeloh. Noch 4 km. Unterwegs treffe ich eine ältere Frau und komme mit ihr ins Gespräch. Sie kündet mir geschäftiges Treiben für Undeloh an. Sie behält recht. Leider.

Mit dem Heidschnuckenshuttle rette ich mich aus diesem Treiben und mache mich auf den Rückweg. Ich werde besser - ich bin ko, aber mit Sicherheit etwas weniger als in der vergangenen Woche obwohl die Etappe länger war.




September 2020


Ob ich heute endlich Heidschnucken auf meinem Weg sehe?

Direkt am Ort beginnt die Undeloher Heide, die hier schon nicht mehr in ihrer vollen Blüte steht. Ich habe am vergangenen Wochenende eine kleine Etappenpause eingelegt, weil ich etwas angeschlagen war. Die Pause erkenne ich deutlich am Blütenstand. Inzwischen ist es September. Es gibt eine „Faustformel„ für die Heideblüte - in der Regel blüht sie vom 8.8. bis zum 9.9. eines jeden Jahres. Aber nach den ersten Etappen des Heidschnuckenweg bin ich mir schon jetzt sicher - egal zu welcher Jahreszeit man ihn begeht - es werden immer wieder verschiedene Highlights auf einen warten. In irgendeiner Literatur zum Heidschnuckenweg hab ich mal die Beschreibung „überirdische Schönheit“ wahrgenommen. Das ist so wirklich gar nicht übertrieben. Gerade die Heidefläche zwischen Undeloh und Wilsede ist genau das - gezeichnet von überirdischer Schönheit.


Wilsede ist einer der beliebtesten Orte in der Nordheide. Der Ort ist überfüllt mit Menschen. Unachtsam flüchte ich aus dem Ort heraus und verpasse den “richtigen“ Weg. Erst spät bemerke ich meinen „Fehler“ und nehme intuitiv einen Waldweg, um zurückzufinden auf den eigentlichen Weg. Der Wald ist hier friedlich und still, das Licht warm. Ich fühle mich aufgehoben. Eines der Gefühle, die ich als Grunderfahrung von meinen Wanderungen mitnehme, etwas das ich erfahre über mich: Im Wald fühle ich mich aufgehoben. Die großen Blätterkronen der alten Bäume geben mir ein Dach, die mächtigen Kiefern, die sich im Wind wiegen, sie lassen mich sicher fühlen.


Ich suche meinen Weg zurück auf den Heidschnuckenweg. Ich spüre schlechte Laune in mir aufsteigen, gehe mit mir ins Gericht wegen meines „Fehlers„… mal wieder zu hart und es kostet mich viel Kraft mit mir fein zu werden. Es wird noch die nächsten Tage andauern. Die ewige Frage: Was habe ich verpasst. Und: Jetzt bin ich nicht den „richtigen“ Weg gegangen… Es wird wohl eine der Aufgaben sein für die kommenden Wochen, die mein Weg mir aufgibt.


Der Wind frischt merklich auf, die Wolken am Himmel formieren sich dunkel, noch 3,5 km - ich werde etwas schneller um rechtzeitig vor dem drohenden Regenguss in Niederhaverbeck, meinem heutigen Etappenziel anzukommen. Ich muss nur noch kurz durch den Wald, ich kann schon die ersten Häuser sehen als es anfängt in Strömen zu gießen. Mal wieder sind es hohe Buchen, die mich unter ihrem Blätterdach aufnehmen. Eine kurze Regenpause nutze ich um zum Gasthof zu sprinten. Unter der Linde im Gasthofgarten finde ich Schutz, bevor es erneut regnet. Ich belohne mich mit einem duftenden und heißen Kaffee. Auf der Innenseite des Kaffeebechers ist eine Heidschnucke eingebrannt in die Keramik. Es bleibt die einzige, die ich heute zu Gesicht bekommen habe.




September 2020


An diesem Wochenende ist meine Vorfreude besonders groß. Auf mich wartet ein ganzes Wanderwochenende. Das allererste Mal gehe ich los mit Übernachtungsgepäck. Noch immer allerdings mit meinem Alltagsrucksack. Mich plagen Schulterschmerzen nach den Etappen - ich muss das dringend mal lösen. So starte ich mit einem wirklich schweren Rucksack in mein Wanderwochenende, aber ich trag ihn gern, mein Elan trägt ihn mit.

Die Anreisen werden immer schwieriger. Heute brauche ich ganze 2:45 h. Es ist bereits 10:30 Uhr als ich in meine Etappe in Niederhaverbeck starte und ich finde auch nicht so richtig in meinen Rhythmus zu Beginn, ich trödel richtig rum. Aber ich muss heute nicht nach Hause und das lässt mich locker sein. Die Heidefläche hinter Niederhaverbeck blüht kaum noch, dennoch liegt sie wie ein blässlich lilafarbener Teppich vor mir. Ich stell mir vor wie unfassbar atemberaubend sie aussehen muss während ihrer Blüte. Ich lasse mich treiben. Sammle Eicheln, fotografiere eine Baumameisenstrasse, lass die Gedanken kommen und wieder gehen - ich halte sie nicht fest. Und das ist so schön.

Und dann seh ich sie endlich - meine erste Schnuckenherde. Aufgeregt werde ich schneller und finde mich schnell darauf dicht bei ihr und zwischen den besonderen Tieren wieder.

Danach ziehe ich endlich das Tempo an.

Auf meinem heutigen Weg liegt Borstel mit seinen Borsteler Kuhlen. Von ihnen ist mir bereits berichtet worden und tatsächlich ist es unglaublich schön hier. Ich mache eine letzte Pause auf meiner Etappe und gehe den restlichen Weg ins Spöktal. Dort habe ich mir ein Zimmer reserviert in einem kleinen Biohotel. Auf diesem Endspurt für heute ereilt mich (mal wieder) die alte Kopfdiskussion - meine morgige Etappe wird eine lange sein. Durch den Abstecher ist Spöktal kommen weitere 5 km dazu. Also insgesamt 28 km. Erinnerungen an meine Auftaktetappe kommen hoch. Ich habe so sehr kämpfen müssen auf dem Weg und war tagelang richtig ko danach. Auf dem verbleibenden Weg zum Hotel schaffe ich es nicht diesen Gedanken loszulassen, aber ich werde ihn loslassen müssen um morgen in die Etappe starten zu können… ich schaffe es im Garten des Hotels meine Füße und meine Seele baumeln zu lassen, um neue Energie zu tanken für den kommenden Tag.


Kurz nach Mitternacht wache ich auf. Ich spüre direkt dass etwas nicht ok ist. In meinem Bauch wachsen Schmerzen, Übelkeit kommt hoch. Mein Körper ist heiß und verschwitzt.

4 Stunden lang wird mich dieser Zustand quälen. In meinem Hotelzimmer fühle ich mich einsam und auf mich gestellt. Es fühlt sich schrecklich an. Die Nachricht wie schlecht es mir geht, die ich an meinen Partner schreibe, lösche ich direkt wieder. Er würde sich große Sorgen machen, wenn er am Morgen aufwacht und die Nachricht - inzwischen 3 Stunden alt - liest und nichts ausrichten kann. Ich schlafe irgendwann völlig erschöpft ein. Als ich gegen 7:00 Uhr wieder wach werde, geht es mir besser, mein Bauch ist nach wie vor angespannt, aber deutlich besser. Dennoch wäre die Anstrengung nach dieser Nacht und so angeschlagen wie ich bin, zu groß um so eine lange Etappe zu absolvieren. Ich bin frustriert und breche ab. Traurig mache ich mich fertig, checke den Weg nach Hause. Nach den ersten Metern zurück auf dem Weg traue ich mir zu zumindest bis zum eigentlichen Etappenende in Bispingen zu gehen. So würde der Einstieg am nächsten Wochenende leichter fallen.


Zur Belohnung für mein allererstes Wanderwochenende hatte ich einen Besuch in der Therme in Soltau geplant. Ich liebeliebeliebe es in die Sauna zu gehen. Die Therme liegt direkt am Heidschnuckenweg, kurz vor Ende der 6. Etappe, also quasi als Abschluss des Wochenendes. In Vorbereitung auf diese Belohnung hatte ich rechtzeitig ein Saunapaket dorthin geschickt. Es kostete mich einige Überredungskunst, die Saunachefin davon zu überzeugen, mein Paket im Vorfeld anzunehmen und für mich bereitzuhalten, wenn ich dort ankomme. Und nun musste ich dort anrufen und darum bitten mein Paket noch länger aufzubewahren. Als ich am Telefon erzähle, was passiert ist, erfahre ich jedoch großes Mitgefühl und bekomme das Versprechen mein Paket weiterhin zu hüten.


Sehr erschöpft komme ich in Hamburg an. Niedergeschlagen auf der einen Seite, dass ich meinen Plan abbrechen musste und auch etwas besorgt in Bezug auf meine gesundheitlichen Konstitution. Diffus sind im Anschluss die medizinischen Aussagen über die Ursachen der nächtlichen Situation…




September 2020


Es wird die letzte Etappe in 2020 sein. Die Episode nach Etappe 5 hatte Spuren hinterlassen…


Ja, ich gehe sehr selbstbestimmt durch mein Leben. Ja, manchmal zu selbstbestimmt, dafür dass ich sozialen Beziehungen lebe. Sowohl als Mutter aber auch als Partnerin.

Vor allem mein Partner sorgt sich sehr nach dem Zwischenfall im Hotel vor 2 Wochen. So richtig konnte sich keiner die Krisensituation erklären. Ich hab mich in einen Diagnostikprozess begeben und mein Partner wünscht sich, dass ich bis zur Klärung keine weiten Wanderungen mehr unternehme und vor allem auch keine so abgeschiedenen. Ich möchte aber mein Projekt durchziehen. Ich. Über meinem (manchmal übersteigerten) Bedürfnis nach Autonomie und der lebenslangen Angewohnheit Dinge mit mir selbst auszumachen, vergesse ich viel zu oft das „Wir“. Die Folge war ein schwerer Streit.


Ich gehe den Weg dieser Etappe, aber ich nehme ihn nicht wahr. Bis heute kann ich mich nur an Bruchstücke dieser Etappe erinnern. Mein Kopf ist schwer. Zum einen sorge ich mich sehr um meine Gesundheit - es sieht so aus, dass ich Herzrythmusstörungen habe. Zum anderen quält mich die Streitsituation. Der Konflikt tobt und ich kann das nur sehr schwer aushalten. Auf der Hälfte der Etappe telefonieren wir und können den Streit etwas schlichten aber dennoch bleibt es eine „blinde“ Etappe. Mit 2 Wochen „Verspätung“ komme ich an der Theme an. Ich werde herzlich und mit großem Respekt meiner Wanderleistung gegenüber empfangen. Nur allzu gern wird mir mein deponiertes Paket übergeben und die daraus hervorgezauberte Merci-Schachtel löst ehrliche Freude aus. Ich verbringe den Abend im Ruheraum am Kamin - lasse mich einlullen von der Wärme des Ofens. Die Hitze der Sauna und des Feuerofens schenken mir genau die Geborgenheit, die ich in den letzten Tagen nicht finden konnte… und die Gelegenheit zur Ruhe zu kommen.


In den folgenden Tagen schaffe ich es von meiner Position wegzukommen und mich gedanklich in seine zu begeben. Ich hab einfach nicht sofort sehen können, dass ich das nicht allein ausmachen muss, dass partnerschaftliche Nähe ja erst dann entsteht, wenn man gemeinsam ein „Wie“ erarbeitet. Und dass es ja auch eine Frage des Respekts meinen mir wichtigsten Menschen gegenüber ist, ihre Sorgen ernst zu nehmen. So entwickeln wir gemeinsam ein neues Projekt für mich bis zum Abschluss des Diagnostikprozesses: das „Stadtwandern“. Keine Strecke länger als 10 km und ich bleibe im Stadtgebiet Hamburgs.


So kommt der Winter…


P.S. Auf meinem Instagram-Account grossartig-antje könnt ihr in den Story-Highlights zum Heidschnuckenweg (HSW) weitere Einblicke gewinnen.



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2 Comments


Liebe Antja, ich finde Deine Insta-Posts schon immer mega und freue mich über die Möglichkeit des "Mitreisens" .... aber jetzt: DEIN Blog!! Grossartig!!! Deine Texte lesen sich 'so weg' und machen Lust auf mehr. Ich hoffe, ich schaffe den Termin in Stelle und freue mich, wenn Du auch auf/im Blog über Deine Reise nach Fern-Ost berichtest. Liebe Grüße, Tanja

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Antje
Antje
Jun 11, 2023
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Ich freu mich so sehr liebe Tanja, dass Du mitreist. Fern-Ost muss noch ein bisschen warten - erstmal gibts Hohen Norden ;-)

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